KARL KARNER | BRUTBLADD: _the horse eats with me

19 October - 20 November 2021

BRUTBLADD

 

Brutbladd. Das Wort will ausgesprochen werden. Es will in den Mund genommen werden. Probieren Sie es ruhig aus, hier und jetzt: Brutbladd. Wie fühlen Sie sich dabei? Unwohl? Sie denken vielleicht: Menschen, die in die Stille hinein mit sich selbst sprechen, sind wahnsinnig. (Aber wo hört der Sinn auf und wo fängt der Wahnsinn an?) Beim zweiten Mal wird es Ihnen schon leichter fallen: Brutbladd. Achten Sie auf Ihre Lippen. Wie sie sich zusammenpressen und mit einer Brutalität die Laute hinausdrücken. Eine Geburt. Ein Blutbad. Mit dem Bladd werden Sie - je nach Dialekt - vielleicht einige Schwierigkeiten haben. Wenn Sie zum Beispiel aus dem Norden Deutschlands kommen, möchte Ihre Zunge das D am Ende des Wortes zu einem T machen. Im linguistischen Sinne nennt man das Auslautverhärtung. Man könnte aber auch sagen: Ihre Zunge führt ein eigenes Leben. Konzentrieren Sie sich und versuchen Sie, sich Ihrer Zunge zu widersetzen. Stellen Sie sich einfach vor, das Wort wäre hier nicht zu Ende. Das Wort wuchert weiter. Ein D folgt dem nächsten. Denken Sie sich eine ganze Reihe an D's. Die D's hängen an dem Wort wie neue, kleine Blätter. Sie müssen sich das Wort im Plural denken. Denken Sie sich einen ganzen Wald Brutblädder:

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Vielleicht werden Sie für einen Moment mitgerissen in einem Brutbladd-Strom. Vielleicht merken Sie auch, wie das Material der Sprache hervortritt, wie die Bedeutung aus der Druckerschwärze flieht und den Buchstabenkörper nackt zurücklässt. Wie die Laute nur noch ein Jucken der Lippen sind und sonst nichts. Wie Ihnen die Zunge fremd wird. Wie Ihnen Ihr Körper fremd wird. Ja: Die Bedeutung ist dem Material fremd. Aber bevor Sie jetzt ganz davonfliegen: Lassen Sie es nicht los. Sie haben nichts anderes zum Festhalten. Greifen Sie zu. Verbrennen Sie es, zermalmen Sie es. Bepflanzen Sie es. Vergraben Sie sich bis zum Ellenbogen darin. Nehmen Sie es in den Mund. Sprechen Sie es aus. Sehen Sie es ein: Sie werden das Material nie ganz unter Kontrolle kriegen. Mit seinen wuchernden D's wird es Ihnen immer wieder hineingrätschen, ins Verstehen. Aber es wird auch Blüten treiben. Es brütet im Material. Da glüht etwas: Brutbladd.

 

Text: Lea Wintterlin