Übersicht

Eröffnung:
Donnerstag, 9. April 2026
18:00 – 21:00 Uhr

 

Das von Théo Viardin in Orphaned präsentierte Ensemble ist ein eigentümliches. Biblisch, profan, von wütender Anachronie durchzogen. Zwar war die Neigung des jungen französischen Malers bereits bekannt, seine katastrophischen Visionen und die beunruhigten Massen seiner fremdartigen Morphologien in den Bereich zeitgenössischer Figuration zu projizieren; doch liegt die Spannung nun nicht länger in der Zukunft, sondern in der zwanghaften Erinnerung, die die Gegenwart an ihr eigenes visuelles Gedächtnis richtet.

Für seine zweite Einzelausstellung in der Galerie Kandlhofer zeigt der Künstler elf Gemälde, die in den vergangenen zwei Jahren entstanden sind und in denen er als Maler über die Zukunft religiöser Figuration in einer zunehmend von Widersprüchen geprägten Welt reflektiert. In Öl gemalt, in aufeinanderfolgenden Schichten und Lasuren aufgebaut und durch souveräne formale Improvisationen belebt, entfalten sich die Leinwände als eine Abfolge von Ereignissen, Notfällen und Dringlichkeiten, die einander antworten und sich unaufhörlich vor den Augen der Betrachter*innen entwickeln. Die markantesten formalen Innovationen im Umgang mit dem Bildraum zeigen sich in der Ausbreitung aufgebrochener Zonen – Goldflächen, rötliche Fumarolen, glühende Lavaflüsse, beiläufig verschmierte ockerfarbene Waschungen –, die sich von Leinwand zu Leinwand wie ein Malware-Code ausbreiten und durch ihre Resonanzen eine kraftvolle Spannung im Gesamtgefüge erzeugen.

 

- Ausschnitt aus dem Ausstellungstext von Axel Fried

Werke
Pressemitteilung

Das von Théo Viardin in Orphaned präsentierte Ensemble ist ein eigentümliches. Biblisch, profan, von wütender Anachronie durchzogen. Zwar war die Neigung des jungen französischen Malers bereits bekannt, seine katastrophischen Visionen und die beunruhigten Massen seiner fremdartigen Morphologien in den Bereich zeitgenössischer Figuration zu projizieren; doch liegt die Spannung nun nicht länger in der Zukunft, sondern in der zwanghaften Erinnerung, die die Gegenwart an ihr eigenes visuelles Gedächtnis richtet.

Für seine zweite Einzelausstellung in der Galerie Kandlhofer zeigt der Künstler elf Gemälde, die in den vergangenen zwei Jahren entstanden sind und in denen er als Maler über die Zukunft religiöser Figuration in einer zunehmend von Widersprüchen geprägten Welt reflektiert. In Öl gemalt, in aufeinanderfolgenden Schichten und Lasuren aufgebaut und durch souveräne formale Improvisationen belebt, entfalten sich die Leinwände als eine Abfolge von Ereignissen, Notfällen und Dringlichkeiten, die einander antworten und sich unaufhörlich vor den Augen der Betrachter*innen entwickeln. Die markantesten formalen Innovationen im Umgang mit dem Bildraum zeigen sich in der Ausbreitung aufgebrochener Zonen – Goldflächen, rötliche Fumarolen, glühende Lavaflüsse, beiläufig verschmierte ockerfarbene Waschungen –, die sich von Leinwand zu Leinwand wie ein Malware-Code ausbreiten und durch ihre Resonanzen eine kraftvolle Spannung im Gesamtgefüge erzeugen.

Die Gemälde zeigen keine konkreten Szenen, sondern evozieren vielmehr die Möglichkeit eines allgemeinen Ereignisses: eine Art Weltuntergangsfeier. Ein liturgischer Karneval, in dem die Echos alter sakraler Formen im Modus der Erscheinung ihr postapokalyptisches Werden entfalten. Ein weiterer auffälliger Effekt, der aus den jüngsten technischen Entscheidungen des Künstlers resultiert, besonders sichtbar in den vier größten Leinwänden, ist der Einsatz deutlich stärker verblendeter, glatterer Pinselstriche, deren Fluidität den Gemälden eine eigentümlich virtuelle Qualität verleiht. In Sacred Study, Green (2026), dessen strenge Komposition an Bellini erinnert, evoziert das grüne liturgische Tuch weniger eine symbolische Schwelle als vielmehr die Fehleranzeige eines Bildschirms. Zu den fleischlichen Massen, die Théo Viardin bereits in die modernistische Tradition der „Meat Painters“ stellten, treten Effekte von Datenverfall und Glitches hinzu, die sein malerisches Programm näher an das eines von Datenüberfluss gesättigten Softwaresystems rücken, das in einer apokalyptischen Szenerie unaufhörlich neue, eingefrorene Bilder aus den schwersten Fragmenten seiner alten Dateien generiert.

Obwohl er nie ein Erzähler war, scheint sich Théo Viardin nun endgültig von narrativen Strukturen abzuwenden, um sich ganz einer Form retinaler Malerei zu widmen, deren Logik ausschließlich in den von ihr ausgelösten Empfindungen liegt. Trotz ihrer stark theologisch konnotierten Titel besitzen die hier gezeigten Arbeiten keinen „Sinn“, zumindest nicht im traditionellen ikonographischen Verständnis: Die Zeichen verweisen auf keine höhere spirituelle Realität; das Sichtbare verweist einzig auf sich selbst. Jungfrauen, mystische Lämmer und Erinnyen ziehen wie Statisten über die Leinwände, ohne wirklich zu spielen, und tauchen von Bild zu Bild in halluzinatorischer Manier immer wieder auf. In dieser Hinsicht löst Orphaned das deleuzianische malerische Programm vollständig ein: Die Figuren werden aus dem Bereich der traditionellen Figuration, aus den Sphären von Narration und Illustration, herausgelöst und existieren nur noch im Modus reiner Empfindung, erlebbar in einer Bewegung, die Malerei und Betrachter*innen miteinander verschränkt. Ohne kohärentes Glaubenssystem konfrontieren die liturgischen Figuren die Gegenwart wie ein sensorischer Homunkulus, ein offenes Nervensystem, dazu verdammt, allein oder im Kollektiv die metaphysischen Stürme und ultraretinalen Qualen des 21. Jahrhunderts zu durchleben.

Gibt es hier noch Gnade? Post-Apocalypse II – die größte Leinwand der Ausstellung, ist um den Negativraum eines Kreuzes organisiert, verdunkelt durch das säurefarbene Schimmern eines Nebels, aus dem zufällig schwebende Hände hervorsprießen. Eine korrumpierte Version von Fra Angelicos Verspottung Christi. Dennoch lässt die Vehemenz und vitalistische Entschlossenheit, mit der sich Viardin der Malerei verschreibt keinen Hauch von Verzweiflung erkennen.

Orphaned nimmt die Trauer zu seinem zentralen Thema: den Verlust einer sinnstiftenden spirituellen Welt, aus der diese symbolischen Figuren hervorgegangen sind, Figuren, die nun wie große, stumme Tiere weiterexistieren. Gleichzeitig aber auch den Horizont dieses Verlustes: die Hoffnung auf einen erneuerten, materiellen Glauben, für den der Akt des Malens erneut zum Träger werden könnte. Etwas ist in der Geschichte der Bilder gestorben, doch aus diesem Tod scheint etwas neues, Unruhiges geboren worden zu sein.  Beide spielen eine vierhändige Melodie, die der Künstler einzufangen vermag. Die gesamte Spannung der Ausstellung, ihre formale, rhythmische und kompositorische Logik, liegt in dieser widersprüchlichen Doppelbewegung von Trauer und Akzeptanz: im Loslassen und im Nicht-loslassen-Wollen, im Einwilligen in das Verschwinden und im Widerstand dagegen. Hinzu tritt ein weiteres, dringlicheres Ringen: das Sinnliche kämpft gegen seine eigene Degeneration. Ein Verfall, vor dem Francis Bacon bereits warnte, in einem Jahrhundert, das weit weniger bilderverschlingend war als das unsere: „Es gibt einen Teil des Nervensystems, der nur durch die Malerei erreicht werden kann – und wenn dieser Teil abstirbt, wird niemand mehr das Bedürfnis haben, ihn zu malen.“ Die kraftvolle Anziehungskraft von Théo Viardins Leinwänden hängt wohl genau damit zusammen. Selbst in der Trauer, selbst im Dämmerlicht der Götzen scheinen einige verwaiste Empfindungen der Malerei lebendig zu bleiben. Wie der Schmerz eines Phantomglieds verharrend, scheint im Erleben der Malerei noch immer etwas Sakrales fortzubestehen.

 

– Text Axel Fried

 

Ausstellungsansichten