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In der neuen Einzelausstellung von Paco Koenig (geb. 1990) wird die Malerei zu einem Raum der Erneuerung und nicht zu einem Bild, auf das hingearbeitet wird. Aufgewachsen zwischen Berlin und den jährlichen Sommeraufenthalten auf einer kleinen Insel in der nördlichen Ägäis, entwickelte Koenig einen Rhythmus aus Aufbruch und Erdung, der seine künstlerische Praxis bis heute prägt. In dieser Ausstellung kehrt dieser Rhythmus nach innen zurück, und das Selbstporträt wird zu einer Methode, Rückkehr als schöpferischen Zustand zu begreifen.


Mit einer neuen Serie fotorealistischer Gemälde und abstrakter Arbeiten auf unbehandeltem Aluminium bezieht sich Koenig auf den lateinischen Ausdruck Domi Reversi, was „Rückkehr zum Ursprung“ bedeutet. Dabei wird das Atelier des Künstlers neu kontextualisiert, nicht nur als Ort kreativen Ursprungs, sondern als Raum der Ansammlung und Wiederverbindung, in dem Objekte, Werkzeuge, grobe Ritzungen und Farbflecken als Spuren des Selbst erscheinen.


Identität manifestiert sich hier indirekt, durch Umkehrung und Zurückhaltung. Der momenthafte Klick eines Fotos wird verlangsamt, Zeit dehnt sich, während Koenig diese Aufnahmen in methodische, hyperrealistische Gemälde überträgt, die durch langsamen, präzisen Pinselstrich entstehen und sein prozesshaftes, zeitbasiertes Arbeiten auf industriellen Metallplatten widerspiegeln.


- Text: Chris Erik Thomas

Werke
Pressemitteilung

In der neuen Einzelausstellung von Paco Koenig (geb. 1990) wird die Malerei zu einem Raum der Erneuerung und nicht zu einem Bild, auf das hingearbeitet wird. Aufgewachsen zwischen Berlin und den jährlichen Sommeraufenthalten auf einer kleinen Insel in der nördlichen Ägäis, entwickelte Koenig einen Rhythmus aus Aufbruch und Erdung, der seine künstlerische Praxis bis heute prägt. In dieser Ausstellung richtet sich dieser Rhythmus nach innen, und das Selbstporträt wird zu einer Methode, Rückkehr als schöpferischen Zustand zu begreifen.

 

Mit einer neuen Serie fotorealistischer Gemälde und abstrakter Arbeiten auf unbehandeltem Aluminium bezieht sich Koenig auf den lateinischen Ausdruck Domi Reversi, was „Rückkehr zum Ursprung“ bedeutet. Dabei wird das Atelier des Künstlers neu gedacht, nicht nur als Ort des kreativen Anfangs, sondern als Raum der Ansammlung und Wiederverbindung, in dem Objekte, Werkzeuge, grobe Ritzungen und Farbflecken als Spuren des Selbst sichtbar werden. Identität entsteht hier indirekt, durch Umkehrung und Zurückhaltung. Der momenthafte Klick eines Fotos wird verlangsamt, Zeit dehnt sich, während Koenig diese Aufnahmen in methodische, hyperrealistische Gemälde überträgt, die aus langsamen, präzisen Pinselstrichen entstehen und sein zeitbasiertes, prozessorientiertes Arbeiten auf industriellen Metallflächen widerspiegeln.

 

Im Zentrum der Ausstellung steht „Verso“, ein großformatiges figürliches Gemälde, das den Künstler bei der Arbeit von hinten zeigt – ein Gemälde eines Fotos eines Porträts. Seine engen Jeans und die leicht geneigte Hüfte greifen die visuelle Sprache von Männlichkeit und Arbeitskleidung auf und verweisen auf raue Cowboy-Ästhetik und sexuell aufgeladene Rock’n’Roll-Plattencover. Die Entscheidung, sich vom Betrachter abzuwenden und sein Gesicht zu verbergen, ist für den erklärtermaßen introvertierten Künstler sowohl bewusst als auch notwendig. Aus dieser Perspektive finden Anonymität und Offenlegung ein Gleichgewicht und lenken die Aufmerksamkeit auf den Akt des Schaffens selbst.

 

Diese indirekte Annäherung an das Selbstporträt setzt sich in einer Reihe von Objektgemälden fort, die reich an Symbolik sind. Eine abgenutzte schwarze Malerbürste, die einst von Koenigs Vater zum Streichen von Wänden verwendet und später vom Künstler selbst zweckentfremdet wurde, um Farbe wieder abzutragen, erscheint zugleich als Werkzeug und Bild. Eine einsame, zurückgezogene Tulpe, deren Blütenblätter sich fest wie eine Rüstung schließen, wird zum Stellvertreter der inneren Welt des Künstlers. Gemeinsam erzeugen diese Formen ein Spannungsfeld zwischen Natur und Künstlichkeit: Die weiße Blume richtet sich nach oben, bereit, sich zu öffnen, während die dunkle Bürste nach unten hängt, beschwert von Koenigs kreativem Erbe. In ihnen zeigt sich das Selbst über den Körper hinaus, in der Welt der Dinge.

 

Diese Erweiterung ins Materielle setzt sich in einer Serie abstrakter Gemälde auf unbehandeltem Aluminium fort. Die Verwendung dieses industriellen Materials geht auf Koenigs architektonischen Hintergrund und seine Erfahrung in einer Stahlwerkstatt zurück, wo er eine besondere Beziehung zu den materiellen Grenzen des Metalls entwickelte. Innerhalb einer auf Spur und Geste basierenden Praxis bietet Aluminium eine Oberfläche, die jede Handlung unwiderruflich aufzeichnet. Flecken, Kratzer und Gebrauchsspuren, die durch unsichere Handhabung, Transport oder bewusste Beschädigung entstehen, bleiben bestehen und treten in Dialog mit absichtsvollen Gesten. Diese Arbeiten werden zu Chroniken der Zeit – von Zögern, Wiederholung und Dauer – und spiegeln die schöpferische Arbeit seiner fotorealistischen Malerei wider.

 

In Domi Reversi bleibt das Selbst in Bewegung, oszillierend zwischen Figur, Werkzeug und Oberfläche. Metapher, Symbol und Material verschmelzen zu einem Bild des Künstlers jenseits der Form. Hier geht das Selbstporträt über die Darstellung hinaus und wird zu einem langsamen, methodischen Prozess des Markierens, Zurückhaltens und beständigen Wiederkehrens.

 

- Text: Chris Erik Thomas

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