VIENNACONTEMPORARY @ FAZ

"Dort, wo früher die Rinder verkauft wurden"

Die viennacontemporary bleibt eine Messe für Entdecker, die eigens für sie anreisen: Es gibt weiter die junge Kunst aus dem Osten, aber auch neue Teilnehmer

 von NICOLE SCHEYERER/WIEN

 

Es war ein Wagnis, aber der Erfolg gab denen, die es unternahmen, recht. Als die Kunstmesse viennacontemporary im vergangenen Jahr von den gut etablierten Hallen in der Nähe des Riesenrads in die entlegenere Marx Halle zog und – notgedrungen – auch noch die bekannte Marke Viennafair aufgeben musste, erschien das sehr risikoreich. Anlass für den Umzug war das Datum, beschwerten sich doch viele Galeristen darüber, dass die Veranstaltung zeitlich zu nah bei der Frieze Art Fair in London Anfang Oktober liege. Als dann noch ein Konkurrent auftrat, der am bisherigen Ort unter dem bisherigen Namen sein eigenes Verkaufs-Event aufzog und um die ausländischen Teilnehmer buhlte, schien die Verwirrung perfekt zu sein. Aber die Übersiedlung der viennacontemporary erwies sich schließlich als goldrichtig, und mittlerweile hat auch der Mitbewerber klein beigegeben.

„Sie können sich vorstellen, dass es ein Team aus einer Deutschen, einem Holländer und einem Russen nicht so leicht hatte, von der lokalen Szene akzeptiert zu werden“, sagte der Moskauer Unternehmer Dmitry Aksenov bei der Pressekonferenz, wo er auf fünf Jahre Zusammenarbeit mit der Kuratorin Christina Steinbrecher-Pfandt und dem Geschäftsführer Renger van den Heuvel zurückblickte. So misstrauisch Aksenovs Engagement anfangs beäugt wurde, es bedurfte wohl genau dieses Outsider-Trios, um der Wiener Kunstmesse jene selbstverständliche Internationalität zu verleihen, die sie heute – ein gutes Jahrzehnt nach ihrer Gründung – zeigt. Da die heimischen Sammler immer noch Mangelware sind, war es stets ein Hauptziel der Messe, möglichst viele ausländische Gäste anzuziehen.

 

Einflüsse von Kalligraphie und Cy Twombly

In der imposanten Stahlkonstruktion der MarxHalle, wo früher Rinder verkauft wurden, stellen in diesem Jahr 112 Galerien aus, 34 davon österreichische Teilnehmer. Mit 24 Galerien aus dem osteuropäischen Raum bleibt die viennacontemporary ihrer ursprünglichen Spezialisierung auf die postsozialistischen Länder weiterhin treu. Sie wird auch 2016 wieder ihrem Ruf als Entdecker-Messe gerecht, wenn sie etwa in einer kuratierten Schau den albanischen Kunstraum Tirana Art Lab gemeinsam mit vier Galerien aus Ex-Jugoslawien präsentiert. Für die aktuelle Ausgabe wurden die Fühler aber erstmals auch nach Skandinavien ausgestreckt, und erstmals reisten Teilnehmer aus Stockholm, Kopenhagen und Helsinki an.

Die meisten Flugmeilen legten zwei Galerien aus Peking zurück, die abstrakte Malerei im Gepäck haben. Die Pifo Gallery bringt eine große violette Gitterstruktur des 1953 geborenen Wang Chuan mit, ein Klassiker in seiner Heimat, der als ein Protagonist des existentialistischen „Scar Art Mouvement“ die Wunden der Kulturrevolution ansprach; Kalligraphie zählt ebenso zu seinen Einflüssen wie Cy Twombly. Witzige, oft auch sexuell aufgeladene Gemälde zeigt die Boers-Li Gallery von Liao Guohe, Jahrgang 1977, der die Verrücktheit des zeitgenössischen Chinas zum Ausdruck bringt. Am Stand der Galerie Anhava aus Helsinki hängt das reizvolle Großformat „Splendor in the Grass“ der vierzigjährigen Malerin Anna Tuori (30 000 Euro), das eine Art Planeten samt kleiner Gestalten darstellt, aber mit breiten gestischen Pinselstrichen gleichzeitig seine Machart betont. Die Bukarester Galerie Eastwards Prospectus wagt sich an eine Solopräsentation von Mircea Stanescu, Jahrgang 1954, der mit abstrahierenden Fotos von Vorhängen und mit Zeichnungen sehr persönliche Forschungen zum Zeitbegriff betreibt.

Erstmals kam auch der Berliner Galerist Daniel Marzona nach Wien und überzeugt mit seiner sorgsam kuratierten Auswahl. Der junge Georgier Vajiko Chachkhiani montiert dort gebogene Äste so an die Wand, dass sie an die Rippen eines Brustkorbs denken lassen. In einen geometrischen Wachsblock am Boden wurde ein kleines Objekt eingelassen: Der Käufer kann laut Künstler selbst entscheiden, ob er es freilegt oder nicht. Bei der Galerie KOW aus Berlin wird eine Reihe von Textilarbeiten von Franz Erhard Walther angeboten. Hochkarätiges gibt es auch nebenan bei Bo Bjerggaard aus Kopenhagen, dessen Koje Daniel Richters geisterhaftes Gemälde „The Decorative Immigrant“ von 2015 für 150 000 Euro krönt.

 

Science-Fiction durch Gussreste

Die Wiener Galeristin Ursula Krinzinger hat neben düsterer Kunst von Stars – wie einem „Parsifal“-Gemälde von Jonathan Meese und einem Selbstporträt mit Totenkopf von Marina Abramović – auch den Newcomer Bernd Oppl dabei, von dem eine Skulptur mit kleinen Boxen stammt. In einer der Schachteln ist ein Video zu sehen, für das der Wiener Künstler mit einer magnetischen Flüssigkeit spektakuläre Effekte erzeugte. Krinzingers Kollegen MeyerKainer widmen Heimo Zobernig viel Platz, so auch eine eigene Koje für eine seiner neuen Bronzefiguren (130 000 Euro), die aufgrund der nicht entfernten Gussreste eine Sci-Fi-Anmutung hat.

Auf der viennacontemporary werden auch immer Preise der Wirtschaftskammer Wien vergeben, und die Suche nach den Gewinnern führt tatsächlich in einen der spannendsten Winkel der Messe: Die Wiener Galeristin Lisa Kandlhofer, die in diesen Tagen neue Räume eröffnet hat, wurde für ihre Präsentation von Frauke Dannert ausgezeichnet. Die deutsche Künstlerin, die sich für Architektur interessiert, hat der Koje einen übergreifenden Anstrich verpasst und zeigt auch neue Collagen.

Die 5000 Euro Preisgeld für die beste internationale Koje gingen gleich an Kandlhofers Nachbarn, die Fold Gallery aus London, die einen interessanten Mix von Skulpturen bereithält. Ganz der Aufbauarbeit junger Künstler hat sich die Galerie Boccanera aus Trento verschrieben: Besonders reizvoll sind dort die barocken Formen, die der 1990 geborene Filip Dvořák bei seinem Triptychon „Color of the Dusk“ aus Hartschaumplatten schneidet.

September 24, 2016