Essl Museum: Deborah Sengl

Essl-Museum: "Zerstört ist Gottes Ebenbild"

Bild: (c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER) 

Deborah Sengl destilliert 44 Szenen aus Karl Kraus' "Letzten Tagen der Menschheit". Ihre Protagonisten sind Ratten. Aber auch so entkommt sie der Vorlage nicht.

 (Die Presse)

 

Zivilisiertes unzivilisiertes Gewimmel in der Ausstellungshalle im obersten Stock des Essl-Museums: Fein säuberlich auf weißen Podestchen inszeniert und in Reihe gebracht, spielen sie sich hier in grotesker Miniaturform ab, Karl Kraus' „Letzte Tage der Menschheit“. Im WK-1-Gedenkjahr 2014 ein nur allzu legitimes Thema für eine Künstlerin. Deborah Sengl (geboren 1974) hat es rechtzeitig besetzt, vor zwei Jahren. Da begann sie, für ihre erste museale Einzelausstellung an einem Großprojekt mit Kleintieren zu arbeiten: Mit weißen Ratten, das war ihr schnell klar, sagt sie, wollte sie Szenen aus der wortübergewaltigen Kraus'schen Realsatire „frei interpretieren“.

Denn der Text gelte schließlich nicht nur für den Weltkrieg vor 100 Jahren, sondern auch fürs Heute und die Zukunft, so Sengl bei der Eröffnung am Donnerstag. Vor allem in den von Kraus angeprangerten manipulierenden Medien sehe sie – trotz noch nie gekannter Info-Möglichkeit des Einzelnen übers Internet – immer noch eine Gefahr. Vielleicht stehen ihre Ratten deshalb nicht mit dem Smartphone in der Hand am berühmten „Sirk-Eck“ vor der Wiener Oper und hetzen. Sondern schwenken, wie in der Vorlage, immer noch die „Neue Freie Presse“, als rattentaugliches Kleinstformat in diesem Fall.

In den Details der aufs Nötigste reduzierten Ausstattung hat Sengl sich verblüffend akribisch an Kraus gehalten, seine Fans wird das entzücken: Wappen, Fahnen, Uniformen, ja sogar Loos-Möbel hat Sengl winzig nachgebaut. Alles in Weiß natürlich, so wie die Ratten. Bis auf eine, den „Nörgler“ – Kraus' Alter Ego hat Sengl eine klare Individualität in all dem neutralen, unschuldigen Weiß gegönnt, es ist die einzige schwarze Ratte.

 

Vertierte Menschen, menschliche Tiere

Das Handwerk von Sengl und ihrem Tierpräparator, mit dem sie seit zehn Jahren immer wieder für ihr sich um vermenschlichte Tiere oder vertierte Menschen drehendes Werk zusammenarbeitet, ist jedenfalls beeindruckend: Sengl legte erst in klaren Entwurfszeichnungen Szenerie und Charakter der Tiere fest (die in der Ausstellung als eine Art erklärende Wandzettel für die Einzelszenen dienen). Der Präparator zwang Körper und Züge danach in Form und Ausdruck. Und um den Tierschützern gleich ein wenig Luft zu nehmen – es handelt sich um 170 Futterratten, deren 50Kilo schweres Inneres, wenn Sie es genau wissen wollen, tatsächlich wie vorgesehen an die Greifvögel verfüttert wurde.

Ihre Hülle darf in die Geschichte eingehen, in die Rezeptionsgeschichte von Karl Kraus zumindest. Künstlerisch ist es schwieriger: Auf jeden Fall ist das Konzept schlüssig in Sengls Werk. Verglichen mit vielen ihrer anderen Arbeiten aber merkt man den Rucksack von Geschichte und Vorbild. Es fehlt der Sarkasmus, mit dem Sengl uns sonst ihre Tier-Tier- oder Mensch-Tier-Hybriden unterjubelt. In dem Fall wäre es besser gewesen, sich nicht so vehement gegen das Wort „Illustration“ zu sträuben, wie es Kurator und Künstlerin taten – warum nur? Natürlich sind die Szenen vor allem „Bebilderungen“ eines Textes. Auch die vorherrschende Einfarbigkeit (bis auf rotes Blut, gelben Urin und Alkohol) betont vor allem die Aussage Kraus', dass alle gleichermaßen schuld sind am Krieg.

Die Wahl eines Tieres, noch dazu der Ratte als menschenähnlich egoistisches, äußerst ambivalent besetztes Tier, kommt allerdings kommentierend hinzu. Hier reiht Sengl sich in die Tradition der politischen Fabel ein, derer sich einen Weltkrieg später auch George Orwell für die „Farm der Tiere“ (1945) bediente. „Alle Tiere sind gleich, nur manche sind gleicher“, lautete das Motto der (stalinistischen) Schweinerasse dort. Ein Zitat aus dem Schlusswort der „Letzten Tage“ trifft – und erklärt vielleicht auch – die Absichten von Sengl wie Orwell: „Der Sturm gelang. Die Nacht war wild. Zerstört ist Gottes Ebenbild!“ [ Sengl/Nawrata]

Bis 25.Mai, Di–So 10–18Uhr, Mi 10–21Uhr.

February 2, 2014