Artikel: Artmagazine

 

Topologische Raumkonstruktionen auf Papier

Renate Quehenberger, 25.06.13

 

 

Der Titel dieser Bilderserie scheint für diejenigen, die dabei an Kugeln denken, auf den ersten Blick irreführend.

Es handelt sich vielmehr zunächst um Sphären im Sinn von ätherischen Umhausun-gen,- weshalb Alina Kunitsyna auch die Bild-Titel aus Peter Slotherdijk‘s Sphärologie ent-lehnt.
Die Künstlerin schließt mit ihren neuen großformatigen, farbigen Tuschemalereien auf Papier an frühere Arbeiten mit akribisch realistisch gemalten Sujets, vorwiegend leere, verlassene, kunstvoll gefaltete und drapierte stoffliche Hüllen, an. Darin waren die gemalten Bild-Räume bereits als hö-herdimensional erkennbar und als Metaphern für feinstofflich realisierte (Seelen-) Mannigfaltig-keiten zu lesen.

Sie liessen sich, wie beispielsweise eine Serie von Burka-Bildern, über die Bedeutung der Leib-niz‘schen Falte erschliessen;- nun aber verlässt die Künstlerin diese hypereuklidische Zugangswei-se zu transzendenten Räumen und geht einen Schritt weiter:
Die Künstlerin führt die Konsequenzen der projektiven Geometrie vor Augen, indem sie sich einer topologischen Formensprache bedient, die an Calabi-Yau Mannigfaltigkeiten erinnert. Bei diesem mathematische Konzept wird eine "Kompaktifizierung" vollzogen, die den Tangentialraum auf den kompakten 3D Raum projiziert. In ihrer Malerei nutzt sie dieselbe Methode, indem eine umgebende, gefaltete Oberfläche, die "wellenförmige" Hülle des Wesens, in amorphen Verschlingungen mit der verbor-genen Persona verschmelzen lässt. Darin wird die dargestellte Figur entweder in Fragmente von menschlichen Körpern und Bekleidungsteilen aufgelöst, oder unter schemenhaft unter fließenden, mitunter mit Blumenmuster bestickten und bedruckten Stoffbahnen, erahnbar.
Diese Projektion des aufgelösten - in Emotion befindlichen - "Seelen"-Umraumes auf die kompak-te Grundform, bildet bizarre, unförmige Objekte, die ihrerseits wiederum seltsam befremdliche Gefühle provozieren.
Handelt es sich etwa um Arnold Gelens Mängelwesen?
Das stop-motion- Video, vertont von Paul Skrepek, gibt Aufschluss über die künstlerische Ausein-andersetzung mit der Geometrie: aus einer kegelförmigen, königsblauen Samt-Mannigfaltigkeit wachsen weisse, haarige Kringel zu Kreisen, die in einer Verkettung das Zeichen für Unendlichkeit (?) bilden und sich schließlich zu einem kugelförmigen Schaum-Knäuel formen.
Schaumkreise sowie Blumenornamente sind dabei als homöomorphe feinstoffliche Entitäten zu betrachten, und die ganze kompaktifizierte Figur ist ein toplogisches Äquivalent zur Hypersphäre,- somit wird der Titel in der höheren Ordnung wieder stimmig.
Wendet man nun die geeignete Übersetzungs-Operation, z.B. auf das Bild "Thanata", an so ver-wandelt sich ein 5-fach aufgetürmter mit Tupfenmuster-Stoff überspannter Block in die Sultan-Ahmet Moschee.
Alina Kunitsyna gelingt es, die moderne Geometrie intuitiv aufzuspüren und sie vielschichtig auf die moderne Malerei anzuwenden. - Führte dazumal der Weg der modernen Malerei vom Realis-mus in die Abstraktion, so vollzieht sie nun eine singuläre Abstraktion des Objektes als subjektiven und eminenten Beitrag zur zeitgenössischen Malerei. Ob diese dabei als Diagnose oder als Affir-mation einer Lust am invers Perversen, fungiert, sei dahingestellt.

 

http://www.artmagazine.cc/content69504.html

June 25, 2013